
12. Mai 2010, der zweite Tag der next Conference in Berlin. Ein programmiertes Highlight: Andrew Keene, Autor des vielbeachteten Buches „Die Stunde der Stümper“. Andrew Keene ist Polemiker. Da sage nicht ich, das sagt er über sich selbst. Entsprechend fällt sein Buch aus – und auch der Vortrag: generalisierend, untergriffig – alles was hinkt, taugt als Vergleich. Für alle jene, die die Konserve sehen möchten:
Die “klassischen” Medien lieben Keene. So wie sie alle lieben, die für einen griffigen Sager und eine Schlagzeile gut sind. Aber die Zuneigung ist noch tiefer. Denn Andrew Keene spricht von Zukunftsängsten geplagten Journalisten aus der Seele. Sie, die dank “2.0″ ihr liebevoll gepflegtes, tradiertes Berufsrollenbild als Vierte “publikative” Gewalt der Demokratie davonschwimmen sehen. Sie applaudieren dem Kulturpessimisten Andrew Keene, der recht lautstark dem Internet die Schuld am kulturellen Verfall in die Schuhe schiebt und daraus so etwas wie ein Geschäftsmodell für sich selbst strickt.
Keene sagt in etwa Folgendes:
Die Punkte (2) bis (4) formulieren Ängste, die fast mit jeder neuen Medientechnologie einhergingen. Wird die Welt die gleiche sein? Sind wir dem gewachsen? Wer rettet unsere Bildung? Wer rettet unsere Jugend? – Ich darf die Beantwortung dieser Fragen mangels Interesse aussen vor lassen – und mich hier Punkt (1) zuwenden:
Die Verlage und die Film- und Musikindustrie befinden sich in einer Krise. Und die geht deutlich über die weltweite Rezession 2008ff und ein paar dadurch weniger verkaufte DVDs und Stellenanzeigen hinaus. Ein Paradigmenwechsel in der Mediennutzung ist im Gang, basierend auf fortschreitender Digitalisierung und Vernetzung. Kostenlose, qualitätsverlustfreie Kopien von Informationen und ihre fast kostenlose Verbreitung führen das Durchsetzenwollen eines Urheberlohns ad absurdum. Die Information verliert ihren Stückpreis. Einmal veröffentlicht ist sie frei und nicht mehr einzufangen, jedes Bezahlen dafür nur noch anerkennende Spende oder Investition in Servicevorteile. Und mit der digitalen Verbreitung ging auch der Erfolgsfaktor Logistik verloren, also – wie bei Tageszeitungen kritisch – die Frage des Druckereistandorts plus Auslieferung vor die Haustüre oder an den Kiosk bis spätestens 6 Uhr morgens.
Das hat nun nichts mit der Amateurkultur zu tun, auf die Keene einschlägt. Auch ohne Blogger und Sozial Networks würden für den klassischen Journalismus Chancen und Risiken größer, Reichweite vs. Konkurrenz – bei weitgehender Finanzierung durch Werbeeinnahmen. Wäre kein Problem, wären da nicht die Raten für Druckmaschine, die noch Anfang des Jahrtausends angeschafft wurde. Wäre kein Problem, gäbe es da nicht die gelebte Praxis, Redaktion abzuschreiben und zu syndizieren, mit der Konsequenz, beliebig und austauschbar zu sein. Wäre kein Problem, hätte man den Mut zu performanceorientierten Anzeigenprodukten, die nicht alle kleineren und mittleren Werbebudgets zu Google Adwords wandern lassen.
Da es aber in den Verlagen und Rundfunkanstalten nicht wenige gibt, die darauf hoffen, der ganze Spuk würde in ein paar Jahren vorbeigehen – und weitermachen, als könnte sich gar nichts ändern, weil zuvor das Abendland unterginge, schlägt auch noch die Stunde der Amateurkultur. Konkurrenz der “alle Anderen”. Wobei ernsthaft zu fragen ist, wer in diesem Zusammenhang mit “Amateur” gemeint sein kann.
Vier Erklärungsansätze bieten sich an: Amateure sind Menschen,
Also kurz: Idealisten, Wichtigtuer, Pfuscher, Eigenbrötler und Idioten. Und sie alle finden mit dem Internet mehr oder weniger kostenlose Produktionsmittel vor, um mit der Welt in Kontakt zu treten. (Was sie offensichtlich auch ungehemmt und erfolgreich tun.) Wie aber können die Vorgenannten – noch dazu bei diesen markanten Profilen – eine wirkliche Konkurrenz für den etablierten Journalismus, für gelernte und eingesessene Contentgestalter sein?
Ihr Erfolg basiert nicht auf dem Preisvorteil, wie Keene das konstatiert, auf der Kostenloskultur des Internets. Vielmehr sind sie attraktiv, weil sie Qualität(en) offerieren, die von den professionellen Produzenten und ihren Distributionssystemen nicht geboten werden. Keene fixiert in seiner Polemik “die Anderen” und übersieht dabei das “alle”. Es mag schmerzlich für jeden Fachjournalisten sein, dass möglicherweise nur wenige Einzelpersonen einen besseren Einblick in die jeweilige Materie haben, in jedem Fall aber die Summe seiner Leser. Oder anders formuliert: die Artikel-Kommentare am Fuße der Seite sind als Gesamtes schnell aufschlussreicher und differenzierter als der Artikel selbst.
Wikipedia schlägt den Brockhaus, weil es vollständiger, aktueller und leichter verfügbar ist, nicht weil es billiger ist. Es ist vollständiger und aktueller, weil es mehr Autoren hat. Und die sind Amateure nach Definition (1), nicht unbedingt nach Definition (4). Wikipedia-Artikel schwächeln qualitativ in Einzelfällen, nicht generell. Auf YouTube finde ich das Video zu Captain Sensibles “WOT”, genau dann, wenn ich es sehen will. Welcher Musik-TV-Sender der Welt bietet mir das? Selbst wenn ich dafür bezahlen wollte, würde ich es nicht bekommen. Eine wesentliche Leistung der Amateure ist also auch nicht das Produzieren, sondern das Sammeln, Selektieren, Bewerten, Archivieren – von professionell produzierten Inhalten. Die Profis haben hier bis dato nur eines getan: den Zugang dazu verstellt.
Verlage müssen Blogger fürchten, weil deren Inhalte “unique” sind und Position beziehen, nicht weil sie kostenlos sind. Während ein nicht unbeträchtlicher Teil der Newsportale aus syndizierten Artikeln und umgeschriebenen Pressemeldungen besteht, die die Portale so austauschbar machen wie die Filialen einer Fastfood-Kette, übernehmen die Blogger meines Vertrauens die Rolle des Filters und versorgen mich mit Fundstücken und Gedankensplitter, die im Idealfall eines gemeinsam haben: Relevanz für mich. Das Fachportal des Verlagshauses mag bei der Relevanz mithalten können – aber nicht beim “für mich”. Und das liegt auch ein wenig daran, dass sie mich als Leser bislang nicht kennenlernen wollten.
Traditionelle Produktionsstrukturen werden dadurch nicht zerstört. Nicht zwingend. – Aber ja, sie kommen unter Druck, sich zu öffnen und zeitgemäße Qualitäten zu entwickeln. Und es entstehen neue, kleinere Einheiten. Aus den besten Amateur-Blogs werden professionelle Online-Magazine, die manchmal nur aus einem, manchmal aber auch aus 5 bis 10 fixen Mitarbeitern bestehen. Noch steht deren Finanzierung auf wackeligen Beinen. Es fehlt neben Google Adwords an übergreifender Vermarktungsstrukturen, um mit spezifischen, formatgerechten Werbeformen von größeren Werbebudgets profitieren zu können. – Eine Frage der Zeit und eine mögliche Aufgabe für die “alten” Player.
Genauso denkbar aber auch, dass die jungen Medienweltmarken – wie YouTube es vorexerziert – Amateure zu einem riesigen Netzwerk an “freien Contentkreatoren” professionalisiert, indem sie Werbeerlöse mit ihnen teilen und so das Wachsen von Publisher-Strukturen fördern.
Ernst Demmel
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